28.07.26: Schutzanzüge, kilometerlange Wildschutzzäune, unzählige Einsatzstunden und Menschen, die seit Monaten nahezu rund um die Uhr gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) kämpfen:
Im Rahmen ihrer jährlich stattfindenden Umwelttour haben sich die Grünen Mitglieder des Umweltausschusses des nordrhein-westfälischen Landtags auf Einladung von Gregor Kaiser im Sauerland ein Bild von der aktuellen Lage gemacht. Begleitet wurden die Abgeordneten von der grünen Europaabgeordneten Terry Reintke, die ihre Wanderung auf dem Rothaarsteig für einen Tag unterbrach, um sich vor Ort über die Herausforderungen der Seuchenbekämpfung zu informieren.
Die ASP-Bekämpfung ist dabei nicht nur eine regionale oder nationale Aufgabe. Viele Maßnahmen beruhen unmittelbar auf europäischen Vorgaben. Die Afrikanische Schweinepest wird im europäischen Tiergesundheitsrecht als Seuche der Kategorie A geführt. Das bedeutet: Jeder Verdachtsfall muss sofort gemeldet werden, nachgewiesene Ausbrüche erfordern unverzügliche und weitreichende Bekämpfungsmaßnahmen. Die Einrichtung von Sperrzonen und zahlreiche weitere Regelungen sind europaweit festgelegt.
Ein Einsatz, der kaum Pausen kennt
Erste Station der Delegation war das Basislager der Wildtierseuchen-Vorsorge-Gesellschaft (WSVG) in Oberhundem. Dort empfing WSVG-Leiter Marcus Elmerhaus die Besucherinnen und Besucher gemeinsam mit Vertreterinnen des Landwirtschaftsministeriums NRW und weiteren Verantwortlichen.
Schon bei der Einführung wurde deutlich, welche enorme Belastung die Bekämpfung der Seuche für die Einsatzkräfte bedeutet. „Meine Frau hat mir einen Zettel hingelegt, der die Tage aufzählt, an denen ich letztes Jahr zu Hause war. Es waren nicht viele“, berichtete Elmerhaus.
Seit dem Fund des ersten infizierten Wildschweins arbeitet sein Team mit außergewöhnlichem Einsatz an der Eindämmung der Seuche. Ausgestattet mit Schutzanzügen konnten die Abgeordneten anschließend die Maßnahmen vor Ort besichtigen. Elmerhaus erklärte den Aufbau der Schutzzäune, die Funktion der Tore, die notwendige Desinfektion von Schuhwerk und Fahrzeugen und die aufwendige Abstimmung mit Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümern.
Besonders beeindruckt zeigten sich die Gäste vom Engagement der vielen Menschen, die häufig abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit arbeiten, um eine weitere Ausbreitung der ASP zu verhindern. So werden täglich hunderte Kilometer Zaun und die Tore kontrolliert sowie unzählige Fahrzeuge desinfiziert. Die Hundestaffel ist mit mehreren Hundeführer*innen täglich auf vielen Kilometern im Suchgebiet im Einsatz. Die Suche wird dabei per GPS getrackt.
Offene Diskussion über Belastungen und Verantwortung
Im Anschluss trafen sich rund 30 Vertreterinnen und Vertreter von Landwirtschaft, Jägerschaft, Forstwirtschaft, Tourismus, Politik und Verwaltung im Gasthof „Zu den Linden“, darunter auch Bürgermeister Jarosz, die Forstamtsleiter Ohms und Zimmermanns, die Kreisvorsitzenden aus Land- und Forstwirtschaft Michael Richard und Michael Bieke u.v.m.. Moderiert wurde der Austausch vom heimischen Landtagsabgeordneten und Sprecher für Wald und Nachhaltigkeit der Grünen Landtagsfraktion, Dr. Gregor Kaiser.
Foto: Simon van de Loo Schnell wurde deutlich, dass die Seuchenbekämpfung viele unterschiedliche Interessen berührt. Während einige Teilnehmende die erheblichen Belastungen für die betroffene Region schilderten, machten die Fachleute des Landwirtschaftsministeriums die dramatischen Folgen eines Übergreifens der Seuche auf Hausschweinbestände deutlich. Ganze Tierbestände müssten dann getötet werden, langfristige Exportverbote wären die Folge und die wirtschaftlichen Schäden könnten in die Milliarden gehen.
Auch die Situation der Jägerschaft wurde intensiv diskutiert. Weil das Fleisch erlegter Wildschweine nicht vermarktet werden kann, erhalten die Jägerinnen und Jäger eine Entschädigung. Von Seiten des Ministeriums wurde ihre Arbeit ausdrücklich gelobt. Ohne ihr Engagement wären die bisherigen Erfolge bei der Eindämmung der Seuche nicht möglich gewesen. Jäger hätten beim Befolgen der Regeln eine wichtige Vorbildfunktion.
Im Gespräch mit Terry Reintke wurde zudem die Idee eines europaweiten Solidaritätsfonds für Schweinehalter angesprochen. Eine Änderung der EU-Seuchen-Verordnung wurde auch vereinzelt gefordert, um einen anderen Umgang mit der Seuche zu ermöglichen. Die Europaabgeordnete sagte zu, die Anregungen aus der Region mit nach Brüssel zu nehmen.
Appell an alle Besucherinnen und Besucher des Waldes
Ein zentrales Thema war die Rolle der Bevölkerung. Große Sorge bereitet den Verantwortlichen weiterhin, dass sich manche Menschen nicht an die wenigen, aber wichtigen Regeln halten. Nicht geschlossene Tore, freilaufende Hunde oder das Verlassen ausgewiesener Wege, z.B. zum Pilzesammeln, können die Bekämpfungsmaßnahmen erheblich erschweren.
Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass das im Sauerland nachgewiesene Virus aus Kalabrien stammt und damit höchstwahrscheinlich durch menschliches Verhalten eingeschleppt wurde. Umso wichtiger sei es, dass alle Verantwortung übernehmen.
Der Vertreter der Mountainbiker, Michael Kotula aus Wenden, bedankte sich ausdrücklich für die gute Kommunikation mit dem Kreis Olpe und dem Landtagsabgeordneten Gregor Kaiser. Auch der Tourismusverband schilderte die Belastungen durch Zäune und Einsatzfahrzeuge, zeigte zugleich aber Verständnis für die Notwendigkeit der Maßnahmen.
NRW als Vorbild bei der Seuchenbekämpfung
Positiv hervorgehoben wurde die besondere Situation in Nordrhein-Westfalen. Das Land verfügt als einziges Bundesland über eine eigene Wildtierseuchen-Vorsorge-Gesellschaft. Dadurch konnten viele Maßnahmen wie z.B. der Zaunbau schnell und unbürokratisch umgesetzt werden. Zudem konnte direkt eine ausgebildete Hundestaffel zum Einsatz kommen sowie weitere Mitarbeitende zur Bekämpfung der Seuche eingesetzt werden. In anderen Bundesländern müssten vergleichbare Arbeiten oftmals erst einzeln ausgeschrieben werden, was wertvolle Zeit koste.
Trotz erster Erfolge ist die Herausforderung noch lange nicht bewältigt. Derzeit werden weiterhin mehr infizierte als negativ getestete Wildschweine gefunden. Erst wenn ein Jahr lang kein infiziertes Tier mehr entdeckt wird, gilt die Region wieder als seuchenfrei.
Dennoch überwog an diesem Tag vorsichtiger Optimismus. „Wenn wir nicht daran glauben würden, die Seuche in den Griff zu bekommen, wären wir nicht mehr hier“, erklärte Marcus Elmerhaus.
„Die Menschen vor Ort leisten Außergewöhnliches“
Zum Abschluss dankte Dr. Gregor Kaiser allen Beteiligten für den offenen Austausch und ihren unermüdlichen Einsatz:
„Wer heute mit den Menschen spricht, die täglich an der ASP-Bekämpfung arbeiten, spürt sofort, mit welchem Engagement und welcher Leidenschaft sie diese Aufgabe annehmen. Die Menschen vor Ort leisten Außergewöhnliches. Gleichzeitig zeigt sich, wie wichtig Zusammenhalt ist. Landwirtschaft, Jägerschaft, Forstwirtschaft, Tourismus, Behörden und Politik ziehen hier gemeinsam an einem Strang. Genau diesen Geist brauchen wir, um die Seuche langfristig zurückzudrängen.“
Kaiser betonte außerdem die Bedeutung des kontinuierlichen und verbesserten Dialogs:
„Die Diskussion hat gezeigt, dass es nicht immer einfache Antworten gibt. Aber sie hat auch gezeigt, dass wir Lösungen finden können, wenn wir miteinander reden, einander zuhören und die Herausforderungen gemeinsam angehen. Seuchenbekämpfung ist und bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe.“
Hintergrund: Umwelttour 2026
Die Umwelttour wurde 2024 von den Grünen Mitgliedern des Umweltausschusses im Landtag NRW ins Leben gerufen und findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Ab dem 20.07.2026 besuchen die Abgeordneten gemeinsam Standorte in ganz NRW, informieren sich zu aktuellen umweltpolitischen Fragestellungen und gehen in den Austausch mit spannenden Gesprächspartnern. Besucht werden unter anderem die Kläranlage Aachen-Soers, der Hambacher Wald, die Ohligser Heide, das Fraunhofer Institut in Schmallenberg, der Schafzuchtverband in Löwendorf und die Wildpferdeherde in Dülmen.